LESUNG & GESPRÄCH


Donnerstag, 12. April 2018, 18 Uhr, Großer Saal EG

 



 

copyright: Hubert P. Klotzeck

 

ortswechsel/osteuropa/anderswo


Akos Doma im Gespräch mit Irene Ferchl

Das HdH BW setzt seine literarische Lese- und Gesprächsreihe fort.

Für seinen zweiten Roman »Die allgemeine Tauglichkeit« wurde Akos Doma 2012 mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis ausgezeichnet, mit dem folgenden, »Der Weg der Wünsche« schaffte er es 2016 auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis. In diesem Werk beschreibt er die dramatische Flucht einer Familie aus Budapest und es trägt eindeutig autobiografische Züge: Als Kind erlebte der 1963 geborene Autor, wie die Koffer gepackt wurden und eine angebliche Reise an den Plattensee weiter nach Jugoslawien und über die Grenze nach Italien führte.

Mit vierzehn Jahren kam Akos Doma nach Deutschland, wo er Anglistik, Amerikanistik und Germanistik studierte und promovierte. In seinen Romanen stellt er entscheidende Fragen: Gibt es ein richtiges Leben im falschen? Was können Heimatlosigkeit und Ungewissheit in den Menschen anrichten? Wie ist mit Erfahrungen der Vergangenheit umzugehen, die als böse Schatten der Gegenwart wirken?

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Das Land der Geburt verlassen, von der Spielstätte der eigenen Familiengeschichte abgehen, den vertrauten Sprachraum aufgeben – prägen solche Erfahrungen spätere Biografien? Wird das Kappen von Wurzeln zur Motivation zum Schreiben? Kann Literatur ein Ort sein, an dem man sich (wieder) zuhause fühlt?

In der Lese- und Gesprächsreihe unterhält sich die Stuttgarter Kulturjournalistin Irene Ferchl mit Autoren und Autorinnen über deren Bücher, ihr Schreiben und die Fragen nach Heimat und Identität – woran lässt sich diese in unseren Zeiten festmachen? Alle haben sie jeweils ihre Geburtsländer verlassen, ihre vertrauten Sprachräume aufgegeben. Sie haben unterschiedliche Lebensgeschichten, unterschiedliche Schreibstile – gemeinsam ist ihnen die Erfahrung, eine Fremde zum Eigenen verarbeitet zu haben.

Irene Ferchl hat Germanistik, Geschichte und Kommunikationswissenschaft studiert und 1993 das Literaturblatt für Baden-Württemberg gegründet, das sie als Herausgeberin und Chefredakteurin bis heute leitet. Ihr Arbeitsgebiet ist die Vermittlung von Literatur, ob als Autorin von Reiseführern, Projektleiterin in Stadt, Region und Land, Moderatorin oder langjährige Redakteurin zum Beispiel der Publikationen zu den Chamisso-PreisträgerInnen der Robert Bosch Stiftung.


 
copyright: Burkhard Riegels

Der Eintritt ist frei.

Einlass bis zum Erreichen der höchstzulässigen Besucherzahl. Die Veranstaltungsräume sind nicht barrierefrei.


Eine Familiengeschichte

Wie die ungarische Familie von Akos Doma in den 1970er Jahren die Welt des Sozialismus verließ und in die verheißungsvolle „Freie Welt“ des Westens eintrat, ist beinahe nicht zu glauben. Ohne gültige Pässe, ohne Visa fuhren sie, Vater, Mutter, zwei Kinder, über die jugoslawische Grenze. Einfach so, „irrsinnig“, sagt Doma heute. Ein Grenzbeamter hatte, vielleicht, Mitleid: „Ja – versuchen Sie Ihr Glück.“ Und in der Folge hatte seine Familie Glück, oft und wider alle Wahrscheinlichkeiten, sie fand sich im zunächst völlig fremden Westen zurecht.

„Von A bis Y“ hat Akos Doma mit Der Weg der Wünsche einen autobiografischen Roman geschrieben. Das „Z“ ist kreative Freiheit, etwa die eigene jüngere Schwester zur älteren Romanfigur zu machen, ist Form und Struktur, etwa das Einbinden von Rückblenden zu den Geschichten der väterlichen und mütterlichen Familien. Hier erzählt der Text hochspannend vom Ungarn der 1950er Jahre, der Zeit eines gnadenlosen Stalinismus bis 1956, in dem der Vater zwangsausgesiedelt wurde, von 1945, als die Großmutter vor der Kriegsfront floh. Parallelen über die Generationen hinweg werden deutlich.

Für Akos Doma ist wichtig: Seine eigene Familie und seine Romanfiguren haben Verfolgung, Unterdrückung, nach ihrer Flucht auch grauenhafte Zustände im Lager in Capua durchlebt – aber sie haben dies alles ohne tiefergehende Schädigungen, Traumatisierungen durchstanden. Auch und vor allem, weil sie sich gegenseitig Kraft gaben, Doma nennt es „positive Energie“. „Bin ich naiv?“ fragte der Autor im HdH BW das Publikum, als er sich die Diskussionen rund um Themen wie Heimat und Identitätsfindung weniger ideologisch, weniger aufgeregt, weniger dramatisiert wünschte. Ob ein Quäntchen Naivität dann träumerische Weltfremdheit bedeutet oder einen optimistischeren Blick auf die Welt ermöglicht, müssen die Leser seiner Werke selbst beurteilen.

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