Siegfried Lenz - der politische Autor
Am 17. März 2026 wäre Siegfried Lenz 100 Jahre alt geworden. Die Texte, Auszüge aus Essays, Briefen und Reden, die Rudolf Guckelsberger im Hospitalhof las, waren teilweise erschreckend aktuell.
In einem Sammelband der Gruppe 47, herausgegeben während Adenauers Kanzlerschaft mit dem Ziel, den sozialdemokratischen Hoffnungsträger Willy Brandt zu unterstützen, analysierte ein Essay von Lenz die herrschende „Politik der Entmutigung“. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei unterblieben, „Schuldige zur Verantwortung zu ziehen“. Mit den Erfolgen der NPD wurde seine Forderung nach der „Wiederherstellung der politischen Moral“ dringlicher. 1970 begleitete er, gemeinsam mit Günter Grass, Willy Brandt auf seiner Reise nach Warschau. Der Warschauer Vertrag stelle das „Ende prekärer Heimatillusionen“ dar – Lenz unterstützte Brandts Ostpolitik. Später, in den 1990er-Jahren, nach rassistischen Ausschreitungen wie in Hoyerswerda, war er eine prominente Stimme, die etwa auf einer Kundgebung in Hamburg zur Bereitschaft zur „Teilnahme am Einzelschicksal“ aufrief: „Wir sind es uns schuldig in Deutschland.“ Er kritisierte die wachsende Macht des „Wirkraums Wirtschaft“, wies früh auf Umweltschäden hin, auf die niemand reagiere (wo bleibe die „Loyalität zur Schöpfung“?). Helmut Schmidt, mit dem Lenz befreundet war, bezeichnete ihn als „Ombudsmann des menschlichen Anstands“. Siegfried Lenz über sein Schreiben: Es solle „Zustände so bloßlegen, dass niemand sich unbetroffen fühlen kann“, denn: Literatur kann dazu beitragen, „den Traum von besseren Möglichkeiten“ nicht aufzugeben.
Veranstaltungs-Info
Lesung mit Rudolf Guckelsberger
Sein Leben lang hat Siegfried Lenz sich in politische Diskussionen eingemischt, nicht übermäßig laut, aber beharrlich und eindeutig. Sein politisches Engagement begann in den 1950er-Jahren, als viele junge Intellektuelle mit der Politik Konrad Adenauers nicht einverstanden waren. Sie kritisierten die mangelnde Demokratisierung, die ungenügende Entnazifizierung von Staat und Gesellschaft, die Remilitarisierung und den Vorrang des wirtschaftlichen Aufstiegs und Wohlstands vor der Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit. In Auszügen aus Reden, Briefen und erzählerischen Texten lässt Rudolf Guckelsberger den politischen Autor Siegfried Lenz zu Wort kommen.
Abschluss der Reihe »3 mal Lenz«
Am 17. März 2026 hätte Siegfried Lenz (1926–2014) seinen 100. Geburtstag gefeiert. Das Jubiläum nehmen der Hospitalhof Stuttgart und das Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg zum Anlass, an das Werk, die literarische und auch die zeitgeschichtliche Bedeutung des aus Masuren stammenden Schriftstellers zu erinnern. An drei Abenden mit unterschiedlichen Themensetzungen stellt Rudolf Guckelsberger Lenz vor und liest aus seinen Erzählungen und Romanen, seinen Reden und Briefen.
Konzeption: Dr. Maren Ermisch, Universität Münster
Eine Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Bildungszentrum Hospitalhof Stuttgart
Der Eintritt ist frei.
Der Hospitalhof bittet um Reservierung: info@hospitalhof.de, Tel. 0711 / 20 68-150
Hospitalhof Stuttgart
Büchsenstraße 33
70174 Stuttgart
ÖPNV
S-Bahn Stadtmitte; Stadtbahn Berliner Platz (Liederhalle)

