Vortrag & Gespräch


Mittwoch, 18. April, 18 Uhr, Großer Saal EG




Die Spaltung einer städtischen Gemeinschaft - Lodz während des Zweiten Weltkriegs


Prof. Dr. Hans-Jürgen Bömelburg im Gespräch mit Dr. Christine Absmeier

Lesung von Quellentexten: Janina Picard

1939 wurde Lodz/Łódź, multiethnische Großstadt und Region mit polnischen, jüdischen, russischen und deutschen Einwohnern, dem Großdeutschen Reich eingegliedert. Damit rückte sie in das Aktionsfeld radikaler nationalsozialistischer Germanisierungspolitik und mutierte zum gewaltigen Verschiebebahnhof: In Lodz wurden Bevölkerungsgruppen klassifiziert, sortiert, ausgesondert, Umsiedlungen veranlasst. Einheimische Geschäftsinhaber wurden enteignet, Juden ins Getto gezwungen, Deutsche aus dem Baltikum und aus Wolhynien neu angesiedelt.

Hans-Jürgen Bömelburg hat Zeugnisse aus dieser Zeit gesammelt und in kommentierter Edition veröffentlicht. Briefe, Tagebücher und andere Aufzeichnungen gewähren bislang unbekannte Einblicke in die Lebenswelten und den radikal veränderten Alltag in Lodz. Sie zeichnen Karrieren nach, beschreiben Rache und Vergeltung sowie Terror und Ausplünderung. Sie vermitteln persönliche Haltungen deutscher Bevölkerungsgruppen gegenüber nationaler Ausgrenzung bis hin zum Völkermord.

Im Gespräch mit Dr. Christine Absmeier, Leiterin des HdH BW, stellt der Historiker Ergebnisse seiner Recherchen vor. Janina Picard, Schauspielerin und Sprecherin, liest Quellentexte.

Prof. Dr. Hans-Jürgen Bömelburg lehrt an der Universität Gießen. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Frühneuzeitliche Kultur-, Geistes- und Politikgeschichte des östlichen Europa, Zeitgeschichte Ostmitteleuropas, Geschichte Polens (15.-20. Jh.), Deutsch-Polnische Beziehungsgeschichte sowie Regional- und Stadtgeschichte im östlichen Europa.

Zum Jubiläum: 30 Jahre Städtepartnerschaft Stuttgart - Lodz

In Kooperation mit dem Treffpunkt Polen

Der Eintritt ist frei.

Einlass bis zum Erreichen der höchstzulässigen Besucherzahl. Der Veranstaltungsraum ist nicht barrierefrei.

Geschichte einer segregierten Stadt

Lodz entwickelte sich während des 19. Jahrhunderts zu einer multiethnischen Industriestadt. Im Bewusstsein der Bewohner überwog praktisches Erwerbsdenken, dem Fragen der religiösen, sprachlichen oder gar nationalen Identität untergeordnet waren. Russisch war bis 1918 die Behördensprache, die Menschen sprachen, abhängig von ihrer Herkunft, jiddisch, deutsch oder polnisch, die meisten waren zwei- oder mehrsprachig. Wichtiger als die ethnische Zugehörigkeit schienen dem Lodzer Geschäftstüchtigkeit und Industriefleiß. 1939 eroberten die Deutschen die Stadt im Rahmen des deutschen Polenfeldzuges und gliederten sie ins Deutsche Reich ein. Durch vielfältige Maßnahmen sorgten sie für die Aufsplitterung der städtischen Gemeinschaft. Sofort nach dem Einmarsch begannen die NS-Behörden mit der Erfassung und Einteilung der Bevölkerung nach rassischen Kriterien. Juden und Polen stigmatisierten sie als minderwertig, sie entrechteten sie in Folge und setzten sie willkürlichen Deportationen und Plünderungen aus. Deutsche vertrieben Juden und Polen aus ihren Wohnungen und bereicherten sich an deren Besitz.

Im Zuge der nationalsozialistischen Umsiedlungspläne wurde Lodz zur Lagerstadt und zum Verschiebebahnhof für Tausende von Menschen. Während Juden und Polen ins Getto oder ins Generalgouvernment verfrachtet wurden, konzentrierten die NS-Behörden Deutsche aus dem Baltikum, aus Wolhynien und Bessarabien in Lodz und Umgebung, um auch sie nach rassischen Kriterien zu untersuchen, einzuteilen und auszusondern. Im besten Fall landeten die Menschen nach dieser Prozedur in einem frisch enteigneten Bauernhof oder einer Wohnung, die noch die persönlichen Gegenstände der ursprünglichen Besitzer enthielt. Die Segregation der gewachsenen Lodzer Bevölkerung, aber auch die Neuansiedlung von Volksdeutschen unterschiedlichster Herkunft riss tiefe Gräben zwischen den Bewohnern auf und konstruierte in vielen Fällen erst eine ethnische Zugehörigkeit. Gegenseitiges Misstrauen und wechselseitige Gewalt waren das Ergebnis.

Janina Picard las aus Ego-Dokumenten, Hans-Jürgen Bömelburg, Professor für ostmitteleuropäische Geschichte und Herausgeber der Quellenedition „Lodz im Zweiten Weltkrieg. Deutsche Selbstzeugnisse über Alltag, Lebenswelten und NS-Germanisierungspolitik in einer multiethnischen Stadt“ erläuterte die Quellen und verdeutlichte die historischen Zusammenhänge. Die anschließende rege Diskussion verdeutlichte das große Interesse des Publikums an dem wenig bekannten und häufig schmerzhaften Thema.

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