LESUNG & GESPRÄCH


Donnerstag, 15. Februar 2018, 18 Uhr, Großer Saal EG




 
copyright: Magdalena Becker

ortswechsel/osteuropa/anderswo


Artur Becker im Gespräch mit Irene Ferchl

Das HdH BW setzt seine literarische Lese- und Gesprächsreihe fort.

„Ich bin polnischer Autor deutscher Sprache“, sagt Artur Becker von sich selbst, was darauf hindeutet, dass er als Wanderer zwischen der alten Heimat in Masuren und der neuen Heimat in Norddeutschland, als Missionar der Verständigung zwischen den beiden Nachbarländern vermitteln möchte. Seine Mittel dazu sind vielseitig: Ganz im Wortsinn einerseits ebenso umfangreiche wie fantastische Romane und Novellen, andererseits Essays, Aufsätze, Rezensionen von beeindruckender thematischer Vielfalt, drittens Gedichte, die er auf Polnisch schreibt.

1968 in Bartoszyce geboren, kam er 1985 als Aussiedler in die BRD, wo er die Schule abschloss und studierte: osteuropäische Kulturwissenschaft, deutsche Literatur und Sprache. Seit 1997, als sein Debütroman erschien, arbeitet er als freier Schriftsteller, der vielfach mit Stipendien und Preisen ausgezeichnet wurde, u. a. 2009 mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis. Artur Becker wird eine Auswahl von Essays und Gedichten vorstellen, die Einblicke in das geben, was er als die Suche nach seinem europäischen Zuhause bezeichnet.

ortswechsel / osteuropa / anderswo

Das Land der Geburt verlassen, von der Spielstätte der eigenen Familiengeschichte abgehen, den vertrauten Sprachraum aufgeben – prägen solche Erfahrungen spätere Biografien? Wird das Kappen von Wurzeln zur Motivation zum Schreiben? Kann Literatur ein Ort sein, an dem man sich (wieder) zuhause fühlt?

In der Lese- und Gesprächsreihe unterhält sich die Stuttgarter Kulturjournalistin Irene Ferchl mit Autoren und Autorinnen über deren Bücher, ihr Schreiben und die Fragen nach Heimat und Identität – woran lässt sich diese in unseren Zeiten festmachen? Alle haben sie jeweils ihre Geburtsländer verlassen, ihre vertrauten Sprachräume aufgegeben. Sie haben unterschiedliche Lebensgeschichten, unterschiedliche Schreibstile – gemeinsam ist ihnen die Erfahrung, eine Fremde zum Eigenen verarbeitet zu haben.

Irene Ferchl hat Germanistik, Geschichte und Kommunikationswissenschaft studiert und 1993 das Literaturblatt für Baden-Württemberg gegründet, das sie als Herausgeberin und Chefredakteurin bis heute leitet. Ihr Arbeitsgebiet ist die Vermittlung von Literatur, ob als Autorin von Reiseführern, Projektleiterin in Stadt, Region und Land, Moderatorin oder langjährige Redakteurin zum Beispiel der Publikationen zu den Chamisso-PreisträgerInnen der Robert Bosch Stiftung.


 
copyright: Burkhard Riegels

Die Reihe wird fortgesetzt.

Der Eintritt ist frei. Einlass bis zum Erreichen der höchstzulässigen Besucherzahl.


„Europa ist keine Milchkuh, sondern ein geistiges Gebäude“

Artur Becker errichtet mit „Kosmopolen“, so der Titel seiner Essaysammlung von 2016, einen Zufluchtsort, eine „Republik der Freiheit“ in globalisierten Zeiten. Ihr Fundament ist tief, der belesene und historisch gebildete Autor gräbt bei der Verortung bis ins erste Jahrhundert nach Christus, bis zur Zerstörung des Zweiten Tempels in Jerusalem. „Kosmopolen“ soll dem Weltenbrand entgegenstehen, der seither tobt, kontinuierlich und überall.

Artur Becker ist ein Intellektueller, und als solcher schweift er, im Gespräch mit Irene Ferchl genauso wie in seinen Texten, zum Denken der Vorsokratiker, zum Wirken Lech Wałęsas, zum Lebensweg Herta Müllers, zu Spinoza und Galileo als Vordenker Europas und – immer wieder – zu Simone Weil. Er spricht über Mythen und Mythologisierung, über Identitätssuche und „dialektische Identitätsspiele“.

Artur Becker ist ein politisch denkender Mensch. Er selbst, Jahrgang 1968, bezeichnet sich als einen zu spät geborenen Alt-68er. Wehmütig wird er, wenn er an Zeiten denkt, in denen ein Günter Grass sich öffentlich einmischte. Wütend wird er, wenn er keinen gemeinsamen Aufschrei von Schriftstellern gegen den Umgang der AfD mit dem Wort „Auschwitz“ hört. Er denkt nach über Europa und möchte die Tiefe des europäischen Gedanken wiedererwecken.

Artur Becker hat Humor, schreibt poetisch und philosophisch tiefsinnig. Alles belegte er an dem Abend im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg mit Lesungen von Essays, autobiografischen Erinnerungen und Gedichten – die Zeit reichte nicht für die gesamte vorher mit Irene Ferchl abgestimmte Auswahl. Denn: Artur Becker ist, O-Ton, ein „Plappermaul“. So wenig, wie er kurze Texte schreiben mag, so ungeheuer viel und Aufregendes hat er zu erzählen.

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